Wasserprivatisierung: Durst auf Profit

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Zugang zu sauberem Wasser ist seit 2010 als Menschenrecht anerkannt. Dennoch gerät die lebenswichtige Ressource immer stärker in den Fokus privater Konzerne. Sie pumpen Grund- und Quellwasser ab und verkaufen es mit Markenetikett gewinnbringend in der Flasche – oft zu einem Vielfachen des Preises von Leitungswasser. 

Karte Afrikas mit Anteilen der Bevölkerung mit grundlegendem Zugang zu Trinkwasser. Länder in Nordafrika und im südlichen Afrika erreichen über 90 Prozent, während Staaten wie die Demokratische Republik Kongo, die Zentralafrikanische Republik und der Südsudan unter 40 Prozent liegen.
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2024 fehlten weltweit 2,2 Milliarden Menschen sicheres Trinkwasser, 3,4 Milliarden sanitäre Anlagen und 1,7 Milliarden die Möglichkeit zum Händewaschen

Seit 2010 ist der Markt für Flaschenwasser um mehr als 70 Prozent gewachsen. Der Jahresumsatz liegt derzeit bei über 300 Milliarden Euro. Den Weltmarkt dominieren Coca-Cola, Danone, Nestlé und PepsiCo. In den USA liegt ihr Marktanteil bei über 70 Prozent. Flaschenwasser ist deutlich teurer als Leitungswasser. Das trifft vor allem einkommensschwache Haushalte: Menschen, die über kein oder lediglich ungenießbares Leitungswasser verfügen, müssen überdurchschnittlich hohe Ausgaben tragen. Laut Schätzungen würde bereits weniger als die Hälfte der weltweiten Ausgaben für Flaschenwasser reichen, um Hunderten Millionen Menschen langfristig den Zugang zu sauberem Leitungswasser zu ermöglichen.

Häufig sichern sich große Konzerne über langfristige Verträge einen privilegierten Zugang zu Wasserquellen, der lokalen Bevölkerungen verwehrt bleibt. Ein Beispiel ist das Département Puy-de-Dôme in Frankreich, in der sich auch die Gemeinde Volvic befindet. Nachdem die Region im Mai 2023 eine Dürre erlebte, schränkten die Behörden die Wassernutzung ein. Die Entnahmeverbote galten jedoch nicht für den Mineralwasserkonzern Volvic, eine Tochter des Lebensmittelgiganten Danone, der seine Abfüllanlage weiterhin mit Grundwasser beliefern durfte. Danone erzielte im selben Jahr einen Gewinn von 881 Millionen Euro und schüttete 1,2 Milliarden Euro an Dividenden aus.

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Danone mit Volvic, Nestlé mit San Pellegrino: Mit ihren Marken beherrschen Großkonzerne einen rasant wachsenden Markt, der Wasser in eine Ware verwandelt

Nach Einschätzung der Vereinten Nationen behindert die Privatisierung von Wasser nötige Fortschritte beim nachhaltigen Entwicklungsziel SDG 6 – dem universellen Zugang zu sicherem Trinkwasser. Jedes Jahr erleben bis zu 3 Milliarden Menschen mindestens einen Monat lang Wasserknappheit.

Auch in Deutschland gerät die Wasserversorgung zunehmend unter Druck, durch steigende Nachfrage und die Klimakrise. Das Frühjahr 2025 war hierzulande eines der trockensten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Bundesweit fiel im März rund ein Fünftel der normalen Regenmenge; besonders betroffen von Trockenheit waren der Norden und Nordosten. Eine neue Studie zeigt, dass inzwischen in 201 von 401 Landkreisen mehr Grundwasser entnommen wird, als sich durch Niederschlag nachbilden kann. Trotzdem pumpen multinationale Konzerne weiterhin große Mengen Grundwasser ab. In vielen Regionen gerät diese privatwirtschaftliche Nutzung in Konflikt mit dem öffentlichen Interesse. Im fränkischen Treuchtlingen bohrt Aldi Nord lokale Brunnen, während die Bevölkerung ihr Trinkwasser aus über 100 Kilometer Entfernung beziehen muss – mit entsprechend hohen Kosten. In Lüneburg hat der Coca-Cola-Konzern jahrelang wertvolles Tiefengrundwasser zu einem äußerst geringen Preis gefördert und als Vio-Wasser vermarktet. Proteste der Bevölkerung konnten erreichen, dass der Brunnen nun zurückgebaut wird. Und in der Brandenburger Stadt Baruth haben im Jahr 2023 die beiden Großkonzerne Red Bull und Rauch die Mineralwasserfabrik Brandenburger Urstromquelle übernommen, samt umfangreicher Grundwasserrechte.

Erlaubt wird Red Bull und Rauch die Nutzung von 2,5 Millionen Kubikmetern: mehr, als im Durchschnitt alle Menschen in einer deutschen Stadt mit 50.000 Einwohner*innen zusammen verbrauchen. Den beiden Konzernen stehen in Baruth rund 92 Prozent der gesamten jährlichen Entnahmemenge zu. Für die Bevölkerung bleiben lediglich noch 8 Prozent übrig. Aktuell plant Red Bull, seine Produktion in Baruth mit einem neuen Logistikzentrum auszuweiten. Der Wasserverbrauch des Konzerns dürfte dadurch weiter steigen.

Umweltverbände und Bürger*inneninitiativen kritisieren fehlendes öffentliches Mitspracherecht und mangelnde Transparenz: Weder die Stadt Baruth noch der Wasserversorger veröffentlichen Details zum Wasserliefervertrag mit Red Bull – unter Verweis auf Geschäftsgeheimnisse. Problematisch ist der Deal auch, weil das Jahrtausende alte Grundwasser im Urstromtal, das durch Schmelzwasser von Gletschern während der letzten Eiszeit entstand, auf Basis eines Gutachtens von 2006 zur Entnahme freigegeben wurde. Heute, zwanzig Jahre später, zeigen rückläufige Niederschläge, Dürren und andere Folgen der Klima-

krise deutlich, wie real die Gefahr von Wasserknappheit in Deutschland ist. Zahlen dazu liefert das Umweltbundesamt: Es geht davon aus, dass sich die Grundwasserneubildung in Brandenburg bis 2050 um bis zu 40 Prozent verringern könnte.

Der Nutzungskonflikt in Baruth steht exemplarisch für eine zentrale Zukunftsfrage: Wie viel Wasser steht uns noch zur Verfügung – und wer darf unter welchen Umständen darüber verfügen, wenn es knapp wird? Die Haltung der deutschen Bevölkerung in dieser Frage ist laut Umfragen recht eindeutig: Ein Drittel sorgt sich angesichts der zunehmenden Wasserkrise um die Wasserversorgung. Zwei Drittel fordern, dass große industrielle Verbraucher angemessen für die Nutzung dieser lebenswichtigen Ressource zahlen sollen.

Weltweit treten Initiativen wie Right2Water oder die Blue Community dafür ein, dass Wasser nicht länger als Ware behandelt wird. Sie fordern seinen Schutz als öffentliches Gut, das allen Menschen in ausreichender Menge und bezahlbar zur Verfügung stehen muss. Eine gerechte Wasserpolitik in diesem Sinne erfordert klare politische Maßnahmen. Erstens braucht es mehr Transparenz über den Wasserverbrauch von Konzernen. Zweitens muss die Grundwasserentnahme deutlich stärker reguliert und besser an die natürliche Neubildung angepasst werden – insbesondere in Regionen mit Wasserstress. Und drittens müssen Konzerne zum Beispiel durch einen angepassten Wasserpreis stärker dazu verpflichtet werden, ihre Produktion wasserschonender zu gestalten. Denn nur ein umfassender und konsequent durchgesetzter Schutz und die schonende Nutzung unserer Grundwasserreserven können den natürlichen Wasserkreislauf langfristig sichern.

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